Gerade an große Spieler und auch Funktionäre sollte man sich erinnern. Es gab in der Vergangenheit einige die unseren Verein zu dem gemacht haben, der er heute ist. Die Südkurve hat am Samstag beim Spiel gegen den 1.FC Köln an den 125.Geburtstag von unserem ehemaligen Präsidenten und Spieler Kurt Landauer erinnert.
Conny Heidkamp war ebenfalls ein großartiger Mensch, der den zweiten Weltkrieg überlebte, großes Engagement zeigte, das ihn fast ins Gefängnis gebracht hätte. Ohne Conny Heidkamp würde der FC Bayern heute nicht mehr so bestehen, rief einst der Ehrenvorsitzende und frühere Polizeipräsident Siegfried Herrmann bei einer Versammlung nach Kriegsende im Lxxxxbräukeller den Mitgliedern zu.
Erinnerungen von Magdalena Heidkampf, der Frau des Meisterkapitäns des FC Bayern von 1932:
Als der Krieg begann, hatte Conny Heidkamp das große Glück, nicht zum Militär eingezogen zu werden. Seine Stellung bei Siemens & Halske, der als Rüstungsbetrieb galt, ermöglichte es ihm, in München zu bleiben und seine ganze Kraft und Zeit seinem geliebten FC Bayern zu widmen. Vielleicht fragen sich heute manche, warum Fussball in dieser Zeit so wichtig war. Er hatte für die Männer die gleiche Bedeutung wie für die Frauen, die ins Kino gingen, die UFA-Filme mit Marika Rökk oder Zarah Leander. Für ein paar Stunden wollten die Menschen diese schreckliche Zeit vergessen. In den ersten Kriegsjahren fielen noch keine Bomben, aber die Hungersnot wurde immer spürbarer. Von den wenigen Essensmarken der Zuteilung konnte man nur schlecht leben und so begann der Tauschhandel. Von der Front kamen die ersten Todesnachrichten. Unsere Spieler Josef Bergmeier und Franz Krumm starben, beide Nationalspieler, beide in der Meisterelf, beide dicke Freunde. Sie fielen zwar nicht am gleichen Frontabschnitt, aber am selben Tage. Für mich war der Tod von Sepp Bergmeier besonders tragisch, da ich mit seiner Frau befreundet war und sie einmal in der Woche besuchte. In der letzten Zeit war sie besonders aufgeregt, da ihr Sepp eigentlich auf Urlaub kommen sollte. Sie putzte, backte, nähte für ihr zweijähriges Mädchen ein neues Kleidchen und erzählte ihr immerfort vom lieben Vati, der jetzt bald kommen musste. Er kam nicht. Dafür ein Brief des Gauleiters mit den Worten ” Wir bedauern…” Einige Zeit später nahm sie sich und ihrem Kind das Leben. Ich kam lange nicht darüber hinweg.
Die Hungersnot wurde langsam unerträglich. So fingen wir damit an zu hamstern. Conny bei den Vereinsmitgliedern, die Lebensmittelgeschäfte besaßen, ich bei den Bauern auf dem Land. Die größten Gönner in dieser Zeit waren Toni Weh, der in der Augustenstraße einen Metzgereiladen hatte und Karl Hötzl, dessen Geschäft in der Georgenstrasse lag. Wir hatten zwei Waschkörbe im Schlafzimmer aufgestellt, einer mit Würsten für den Verein und einer – von mir – für die Familie. Über dem Korb des FC Bayern lag ein frisches Handtuch, er war für die Familie tabu. Wehe, wenn wir unsere kleine Gerda dabei erwischten, wenn sie an den Würsten roch. Aber mein Korb konnte sich auch sehen lassen. Ich konnte nämlich nähen, nicht gerade meisterhaft, aber für Nachthemden, Schürzen, Blusen und Röcke für die Nachbarn reichte es. Ich hatte das einer Freundin, die Schneiderin war, abgeschaut. Und so blieb ich oft eine Woche lang auf einem Bauernhof, um zu nähen und am Wochenende mit einem vollen Rucksack heimzukehren, während meine Mutter unter der Woche für die Familie kochte.
Und dann begannen sie: die Bombenangriffe. Wir, die wir bisher den Krieg nur durch Frontnachrichten, den Tod von Freunden und die Hungersnot kennengelernt hatten, bekamen ihn nun am eigenen Leib zu spüren. Nacht für Nacht kamen die Angriffe, mal schlimmer, mal weniger schlimm, aber die Fensterscheiben waren fast immer durch den Luftdruck zerbrochen. Die Kinder wurden aus den Städten aufs Land gebracht, unsere Gerda kam in ein Schullandheim nach Bad Wiessee. Die größte Sorge meines Mannes – wie hätte es anders sein können – war der FC Bayern. Dessen Geschäftsstelle lag nämlich mitten in der Stadt, in der Landschaftsstrasse an der Rückseite des Rathauses. Die Häuser dieser Strasse wurden übrigens nach dem Krieg nicht mehr wiederaufgebaut, heute ist das Ganze eine kleine Anlage mit Parkbänken. Das Wichtigste war: die Pokale, die seit Bestehen des Vereins dort standen, mussten in Sicherheit gebracht werden. Aber wohin? Da fiel mir der Bauer in Ascholding ein, bei dem ich in meiner Kindheit die Ferien verbracht hatte. Ein Anruf und wir zuckelten zusammen mit Barry Streck in einem Holzkohleauto nach Ascholding bei Wolfratshausen. Die Kisten wurden in einen Abstellraum neben dem Stall gelagert und wir fuhren wieder Richtung München.
Zu dieser Zeit erwies sich die Anwesenheit meines Vaters, als wahrer Segen. Mein Mann schwang sich nämlich nach jedem Luftangriff auf sein Fahrrad und fuhr durchs brennende München zu jedem einzelnen Spieler, um sich zu vergewissern, ob er am kommenden Wochenende mit ihm rechnen konnte. Wie gut, dass mein Vater so geschickt und gutmütig war, die zerbrochenen Fenster mit Pappe dicht zu machen und andere Schäden notdürftig zu reparieren.
Die Hungersnot wurde schlimmer und so konnte der Wirt des Lxxxxbräukellers, Xaver Heilmannseder, in Zukunft nicht mehr ohne Lebensmittelmarken das Essen für die Spieler zubereiten. Also ging mein Mann auf den bekannten Schiebermarkt, um Lebensmittelmarken zu kaufen. Das war nicht ungefährlich, denn die Razzien wurden immer häufiger und die Strafen härter. Man warnte mich, mein Mann stünde mit einem Fuß im Gefängnis. Aber ihm ging es nur darum, die Spieler zu halten, die zweimal wöchentlich nach dem Training eine warme Mahlzeit erwarteten. Conny hatte Glück und entging den Razzien.
Im vorletzten Kriegsjahr glaubte keiner mehr an einen Sieg der deutschen Armee, aber man durfte es nicht mehr aussprechen. Um unsere Stärke zu zeigen, organisierte das deutsche Sportkomitee ein Freundschaftsspiel des FC Bayern gegen die Nationalelf der neutralen Schweiz in Zürich. Die Spieler wurden ins Sicherheitsamt befohlen und mit folgenden Auflagen vertraut gemacht: Erstens tadelloses Auftreten, zweitens würden Gestapobeamte mitfahren, damit den jungen, wehrmachtsfähigen Spielern nicht einfallen würde, im Ausland zu bleiben, drittens sei es möglich, dass deutsche Emigranten versuchten, mit den Spielern Kontakt aufzunehmen. Jede Annäherung werde strengstens bestraft.
Kaum in Zürich angekommen, trat schon ein Page auf meinen Mann zu und übergab ihm eine Nachricht von Herrn Landauer, der im Vestibül auf ihn warte. Beim Öffnen des Briefes tippte jemand meinem Mann auf die Schulter: Gestapo. “Geben Sie mir den Zettel. Lassen Sie sich nicht einfallen, sich dem Mann zu nähern, sie stehen unter Beobachtung.” Es wurde Conny unmöglich gemacht, mit Landauer Kontakt aufzunehmen, die Gestapo ließ ihn nicht aus den Augen. Es war Kurt Landauer, der frühere Präsident des FC Bayern München, der als Jude aus Deutschland fliehen musste.
Diese Geschichte hatte noch ein trauriges Nachspiel. Kurt Landauer kam nach dem Krieg zurück und wurde wieder Präsident des FC Bayern. Eine seiner ersten Amtshandlungen bestand darin, Conny zu sich zu bitten und die Belege für alle Ausgaben während des Krieges zu verlangen. Mein Mann war ratlos. Er hat fast ausschließlich mit Schiebern und Bestechung zu tun gehabt, wer gab da schon Quittungen? Wer hatte fürs “Organisieren” – wie man es nannte schon Belege bekommen? Selbst als der Geschäftsführer des Vereins, Herr Plank, Connys Angaben bestätigte, nütze es nicht viel.
Als Landauer auf der Bühne des Lxxxxbräukellers zum Anlass einer Jubiläumsfeier die Geschichte des Vereins vortrug, erklärte er: “Wir wollen die letzten Jahre vergessen und Gnade walten lassen.” Ich merkte wie mein Mann blass wurde und zum einzigen Mal in der meiner 60-jährigen Ehe sah ich Tränen in seinen Augen schimmern. Unter dem Tisch suchte ich seine Hand und hielt sie fest. Auch das ging vorbei. Und als er hörte, dass der Ehrenvorsitzende und frühere Polizeipräsident Siegfried Herrmann bei einer Versammlung sagte, “wenn Conny Heidkamp nicht gewesen wäre, würde der FC Bayern heute nicht mehr bestehen”, war das Balsam auf seine Wunden. Sie fingen an zu heilen.
Quelle: Bayern Magazin

