Vor ein paar Tagen habe ich einen Kicker von 1976 in die Hände bekommen. Der FC Bayern wurde in diesem Jahr zum ersten Mal Weltpokalsieger. Das Hinspiel gewannen die Bayern gegen Belo Horizonte noch mit 2:0, ehe es am 21.12.1976 im Rückspiel um alles ging.
Der Kicker schrieb damals nach dem großen Triumph:
Dieser FC Bayern war nicht müde!
Nach sechs Stunden Schlaf: Weltpokalsieg
Jetzt haben die Münchner Bayern den ganz großen Coup doch noch geschafft! Mit einem Klassespiel im fast ausverkauften Stadion Minas Gerais von Belo Horizonte (117000 Zuschauer) holten sie sich nach einem mehr als verdienten 0:0-Unentschieden als erste deutsche Mannschaft überhaupt den Weltpokal! Dabei waren die hervorragend eingestellten Münchner gegen Ende des spannenden, farbigen und äußerst fairen Finales dem Sieg näher als die Brasilianer.
Mit gut 12 Minuten Verspätung pfiff Schiedsrichter Patrick Partridge (Großbritannien) das Spiel im Hexenkessel von Belo Horizonte an, wo die Fans einen klaren Sieg ihrer kaffeebraunen Ballartisten gegen die vermeintlich übermüdeten Müchner erwarteten. Doch die Bayern, bei denen Franz Beckenbauer nach einem letzten Test doch noch mit von der Partie war, ließen sich durch den äußerst unfreundlichen Empfang nicht beeindrucken.
” Wir müssen unbedingt die ersten dreißig Minuten überstehen, ohne ein Tor einzufangen, sonst wird´s ganz schlimm”, hatte Bayern Coach Dettmar Cramer gehofft. Und tatsächlich kamen die Münchner, bei denen sich wieder einmal ihre große internationale Erfahrung auszahlte, prima über die Anfangsminuten.
Ein Höllenlärm im Stadion und starker Druck der Gastgeber kennzeichneten diese ersten Minuten auf dem tiefen, aufgeweichten Rasen. Natürlich konnten die Münchner von Glück sagen: statt Hitzetemperaturen um die 35 Grad ging während des gesamten Spieles ein anhaltender tropischer Regen über dem Stadion nieder. Die einfach viel zu verspielt wirkenden Cruzeiros wurden von den Münchnern schnell an die Kette gelegt, als deren erstes Feuerwerk erst einmal verraucht war. Sepp Weiß, der den Meniskusoperierten Dürnberger vertrat, machte seine Sache gegen Eduardo ebenso gut wie Udo Horsmann, der im Gegensatz zum Münchner Hinspiel gegen den Cruzeiro-Zauberer und absoluten Lokalmatadoren Jairzinho diesmal mehr Land sah.
Nummer eins inmitten des Getümmels war jedoch ein Mann: Sepp Maier. Er parierte während des gesamten Spiels serienweise raffinierte Freistöße des schußstarken Offensivverteidigers Nelinho, Schüsse des quirligen Palinha. Und Chancen hatten die Bayern! Rummenigge, der in der 85.Minute mit einer Fussprellung ausschied, scheiterte jedoch wiederholt an Raul. Glück für die Münchner, als Jair in der 63.Minute nur den Pfosten traf. Überglücklich waren die elf Bayern, als nach 90 Minuten die Raketen in die brasilianische Nacht stiegen. Die enttäuschten Cruzeiros wurden von den 117000 mit gellenden Pfiffen in die Kabine geschickt.
So spielten die Bayern: Maier – Andersson, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Horsmann – Weiß, Torstensson, Kapellmann – Hoeneß, Müller, Rummenigge (85.Arbinger) – Trainer: Cramer
Dann tanzen sie den Samba…
Bayern vertrat Europa glanzvoll!
“Ich bin überglücklich, zu dieser famosen Leistung kann man unserer Mannschaft nur gratulieren”, freute sich Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker. “Wenn´s am schlimmsten zugeht, dann ist der Sepp der Beste”, lobte Gerd Müller, als er gerade vom Spielfeld kam und Franz Beckenbauer war froh: “In der ersten Halbzeit hab ich wieder Schmerzen verspürt, aber Hauptsache, dass wir es nach diesen ungeheuren Reisestrapazen noch gepackt haben.” 10000 Mark will der “Präse” für den Weltpokalsieg seiner Mannen springen lassen. Damit wird das Abenteuer Brasilien für die Münchner ein saftiges Minusgeschäft. Nachdem es im ersten Spiel nur 18000 Zuschauer in die winterlichen Ränge des Olympiastadions getrieben hatte, womit gerade die Flugkosten nach Belo Horizonte gedeckt waren, machten also nur die Brasilianer einen fetten Weltcupreibach: 117000 Zuschauer, Einnahme: 6,4 Millionen Cruzeiro gleich 1,4 Millionen Mark.
Dennoch spricht man bei den Bayern nach dem zweimaligen Reinfall im Supercup von einem schönen Weihnachtsgeschenk. Das Prestige ist international gerettet für dieses Jahr: ” Beste Klubelf der Welt” dürfen sich die Mannen um Franz Beckenbauer jetzt nennen. Was die Münchner nach 26stündigem Flug (sie kamen erst 10 Stunden vor Spielbeginn in Belo an) im tropischen Regen von Mina Gerias leisteten, das hatte in der Tat Weltformat. In der längsten Nacht des Jahres zeigten sie sich ausgeschlafener wie selten zuvor. Die Bayern schliefen lieber vor dem Spiel: ganze sechs Stunden! Dann tanzten sie mit den überraschten Cruzeiros auf ihre spezielle Art den Samba. Mit starken Nerven und kühl bis an die Herzspitzen: eben Marke Bayern.
Gegen 3.30 Uhr Mitteleuropäischer Zeit war der vom Prestige her größte Bayernsieg perfekt. Dann ging es zurück ins Hotel, zum Flughafen, zurück in die winterliche Heimat. Der FC Bayern vertrat Europas Fussball glanzvoll.
Für den Kicker schrieb: Julio Cameron

