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26. Apr. 2010

Olk, Beckenbauer, Breitner, Rummenigge, Augenthaler, Aumann, Matthäus, Helmer, Effenberg, Kahn, van Bommel – sie haben alle eines gemeinsam: Sie waren Kapitäne mindestens einer Meistermannschaft des FC Bayern. Doch lange vor Einführung der Bundesliga hat es noch einen gegeben: Conny Heidkamp, der Spielführer der Meistermannschaft von 1932. Ein großer Fussballer, Nationalspieler, Idol seiner Zeit, der 1928 also vor 82 Jahren, zum FC Bayern kam. Fast zehn Jahre hat der aus Düsseldorf stammende “Grenadier vom Rhein” beim FC Bayern gespielt, 1994 ist das langjährige Ehrenmitglied gestorben. Anhand von Aufzeichnungen seiner Frau Magdalena, erinnern wir an unseren ersten Meisterkapitän Conny Heidkamp. “Es war im Jahr 1999. Ich saß in meinem Zimmer vor dem Fernsehapparat und sah wie der FC Bayern siegte. Die Bayern, sie standen wieder an der Spitze, und es schien ziemlich sicher, dass sie nicht mehr eingeholt werden konnten. Zu meinem Leidwesen konnte ich das Spiel nur noch hören, da ich in den letzten Jahren mein Augenlicht verloren hatte. Das war auch der Grund, warum ich nach dem Ableben meines geliebten Gatten meine große Schwabinger Wohnung aufgegeben hatte und mit nur wenigen Möbeln in ein Seniorenheim am Rande Harlachings gezogen bin. Dort fand ich mich besser zurecht und hatte die nötige Hilfe.”

“Als ich eines Tages voller Freude über den Sieg der Bayern beim Frühstückstisch herausplatze “Bayern hat schon wieder gewonnen”, herrschte eisiges Schweigen. Dann die alte Leier, die man zu hören bekam, wenn man vom Fussball sprach: “Die Burschen verdienen doch viel zu viel.” Das hätte ich noch geschluckt, aber als Worte wie “diese Analphabeten” fielen, legte ich meinen Löffel hin, stand auf und verließ den Raum. In Zukunft bestellte ich das Essen auf mein Zimmer.”

Nun wurde es aber doch ein wenig einsam um mich. Da ich wegen meines Augenleidens nicht mehr lesen konnte, wusste ich aber nichts mehr mit mir anzufangen. Und so kam ich auf die Idee, ein paar Episoden aus dem Leben mit meinem Mann, mit allen seinen Höhen und Tiefen auf Band zu sprechen, mein Leben mit dem Fussballer Conny Heidkamp zu erzählen. Vielleicht war ja etwas dabei, das nicht in den Archiven des FC Bayern steht und des Erzählens wert ist.

Zum ersten Mal sah ich den Conny aus der Ferne, als er in einer Kutsche, die Meisterschaftstrophäe Viktoria im Arm haltend, neben seinem Trainer Dombi an mir vorbeifuhr. Ich hatte mich von der allgemeinen Begeisterung anstecken lassen, aber eigentlich dachte ich darüber nach, ob mein Bruder, der neben mir stand, wohl sein Versprechen einlösen würde, mit mir anschließend ins Kino zu gehen. Mein älterer Bruder war mein ein und alles und er nahm mich überall hin mit. So kam es auch, dass ich mir ihm zuliebe den triumphalen Einzug der Bayern durch die abgesperrten Strassen Münchens ansah. Der Kinobesuch war als Belohnung gedacht.

Zur zweiten Begegnung mit Conny Heidkamp kam es in der Firma “Loden-Frey”. Es war zur Zeit der größten Arbeitslosigkeit und ich war heilfroh, bei dieser Firma Anfang der 30er Jahre in der Handschuh-Abteilung als Verkäuferin arbeiten zu können. Kurz nach meiner Einstellung las in der Zeitung, dass jeder, der von Conny Heidkamp, dem Kapitän der deutschen Meisterelf von 1932 bedient werden oder ein Autogramm haben wollte, diese Woche zu Loden-Frey in die Sportabteilung kommen solle. Er kam, gab Autogramme, doch meistens sah er in meine Richtung.

Wie es das Schicksal wollte, wohnte er in meiner Nähe und wir hatten den gleichen Weg. Wir waren nur durch eine Brücke über die Isar getrennt, die Ludwigsbrücke. Er wohnte an einem, ich am anderen Ende. Wenn er aus seinem Fenster sah, konnte er mich um acht Uhr morgens schon kommen sehen, und trat  – welch ein Zufall – zur gleichen Zeit aus der Tür, als ich sein Haus erreichte. Wir gingen gemeinsam zur Straßenbahn. Und so fing es an.

Am Frühlingsanfang im Jahr 1934 heirateten wir, und  – um es vorwegzunehmen: 60 Jahre später trugen wir ihn zu Grabe. In all den Jahren dazwischen lagen glückliche und schlimme Tage – aber immer auch die Tage des FC Bayern. Da in dieser Zeit größere Wohnungen leer standen und man sie leichter bekam, nahmen wir eine viereinhalb Zimmer Wohnung und meine Eltern zogen zu uns. Wir haben das nie bereut. Meine Mutter war eine erstklassige Köchin und zauberte selbst in der größten Hungersnot essbare und schmackhafte Gerichte, wobei sie die besten Bissen heimlich meinem Mann zusteckte und er sie dafür verehrte. Mein Vater war ein Alleskönner, reparierte alles in unserem Haushalt, was später – im Krieg – nach den Bombenangriffen ein wahrer Segen war. Man liebte sich, hielt zusammen, die später so hochgespielten Generationsprobleme waren noch nicht bekannt.

In unserer Hochzeitsnacht lag ich seinen Armen und war sehr glücklich. Es war der schönste Tag meines Lebens und das wollte ich auch von ihm hören. “Was war denn eigentlich der schönste Tage in deinem Leben?” fragte ich ihn und wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort: “Der Tag der deutschen Meisterschaft!” Da hatte ich es. Aber, so tröstete ich mich, er ist wenigstens ehrlich und macht mir nichts vor. “Liebes”, fuhr er fort, “solange du mir meinen Fussball und meinen Verein FC Bayern lässt, kann in unserer Ehe nichts schiefgehen.” Nun wusste ich es und richtete mich danach.

Im Rückblick gesehen waren die nächsten Jahre die schönsten meines Lebens. Da meine Eltern sich vor Freude über das kleine Baby kaum fassen konnten und die besten Babysitter waren, konnte ich an der Seite meines Mannes jederzeit ausgehen und die Spiele besuchen. Ich musste wohl keine Frau gewesen sein, wenn ich mich an seiner Seite nicht in seiner Popularität und Beliebtheit gesonnt hätte. Auch meine Mutter bekam als “Heidkamps Schwiegermutter” etwas davon ab.

Quelle: Bayern Magazin

Weitere interessante Artikel über Conny Heidkamp:

Erinnerungen an Conny Heidkamp

FC Bayern Deutscher Meister 1932


15. Feb. 2010

Wie Dombi 1932 mit einer “Reisegesellschaft aus München” den Titel holte

Eine List des Trainers bescherte Bayern erstmals die Deutsche Meisterschaft

“Wir sind Deutscher Meister! Jahrzehntelang ein Traum – heute stolze Wirklichkeit!” So lautete die Schlagzeile in den Clubnachrichten des FC Bayern München im Juli 1932. Der Erfolgscoach hieß damals Richard Dombi. Bis es allerdings soweit war mit dem ersten Titelgewinn, musste “Little” Dombi, wie er von seinen Spielern aufgrund seiner Körpergröße genannt wurde, jedoch noch Schwerstarbeit leisten in der Saison 1931/32. Davon berichten wir in unserem zweiten Teil der Serie über unseren ersten Meistertrainer des FC Bayern, die der Würzburger Sportantiquar Andreas Wittner zusammengestellt hat.

Mit “Wiggerl” Hofmann, “Pötschge” Pöttinger und “Mile” Kuterer galt es in der Saison 1931/32 drei gestandene Internationale, wie die Nationalspieler damals genannt wurden, zu ersetzen. Die Stürmer Hofmann (250 Tore in 504 Spielen) und Pöttinger (375 Tore in 340 Spielen) mussten ihre Karriere verletzungsbedingt aufgeben. Kutterer, der langjährige Verteidiger, beendete seine Laufbahn beim FC Bayern. Zudem fielen mit Spielführer Conny Heidkamp und Sigmund Haringer im Meisterjahr zwei weitere Nationalspieler über längere Zeit aus.

Geschickt gelang es jedoch Trainer Dombi diese Korsettstangen der Mannschaft durch junge, begabte Nachwuchskräfte wie Breindl, Krumm, Rohr und Bader zu ersetzen. Zum sechsten Mal in Folge gewann der FC Bayern 1931/32 die Bezirksmeisterschaft von Sübayern. Und über die Spiele um die Süddeutsche Meisterschaft gelang es den Bayern zum vierten Mal nach 1926, 1928 und 1929 die Berechtigung zur Teilnahme an der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft zu erreichen.

In dieser wichtigsten Phase der Saison war es nun Richard Dombi selbst, bei der den Verantwortlichen und Aktiven des FC Bayern Besorgnis aufkommen ließ. Die Münchner Sportzeittschrift “Fußball” beschrieb die Situation eine Woche vor dem Endspiel in Nürnberg am 12. Juli 1932 gegen Eintracht Frankfurt folgendermaßen: “Dombi, der das Vertrauen seiner Vereinsleitung und Mannschaft in vollstem Maße genießt, sieht augenblicklich nicht besonders gut aus. Eine schwere Erkältung, eine Art Grenzfall von Lungenentzündung mit bösartighohem Fieber hätte ihn beinahe in diesen Wochen außer Gefecht gesetzt, in denen ihn die Mannschaft nötiger denn je braucht. Mit einer geradezu eisernen Energie ist Dombi der Krankheit Herr geworden. Die Spieler haben seine Sorge bisher keine Minute entbehren brauchen. Für Dombi gilt nur die Aufgabe, seine Mannschaft am 12. Juni um vier Uhr in der Form auf den Höhepunkt des Jahres darstellt. Dass er der richtige Mann ist, bezweifelt niemand, der den Werdegang der Bayern in diesem Jahr verfolgt hat, der das Gesicht der Mannschaft, wie sie jetzt steht, mit dem zu Saisonbeginn vegleicht. Dombi selbst schweigt sich über ´sein System´gründlich aus, man merkt nur seinen geradezu fanatischen Glauben an sich selbst, seine Mannschaft und den Enderfolg.”

Nach den Siegen in der im K.o.-System ausgespielten Vorrunde gegen den SC Minerva Berlin (4:2), den Polizei SV Chemnitz (3:2) und den 1. FC Nürnberg (2:0) stand der fc Bayern im 32. Jahr seiner Vereinsgeschichte also erstmal im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Am besagten 12. Juni hieß der Gegner in Nünrberg Eintracht Frankfurt. Um im Vorfeld unnötige Unruhe von der Mannschaft fern zu halten, ließ sich Dombi eine ganz besondere List einfallen. Es gelang ihm, den Aufenhaltsort der Bayern-Delegation bis einige Stunden vor Spielbeginn geheim zu halten. Während die Presse und die Fans sie in Fürth oder im Nürnberger Umland vermutetetn, residierte eine 20-köpfige “Reisegesellschaft” aus München unerkannt mitten in Nürnberg im “Württemberger Hof” gegenüber dem Hauptbahnhof.

Dombi ging sogar so weit, dass er außer Spielbetriebsobmann Harlander und Vizepräsident Hermann keine weitere Person einweihte. Die beiden Mitwisser mussten sich per Ehrenwort zum Stillschweigen verpflichten. Dies hatte zur Folge, dass Präsident Kurt Landauer wegen der auferlegten Unwissenheit sogar seinen Rücktritt in den Raum stellte. Aber auch hier gelang es dem Meistertrainer, dem ein sehr ausgeprägtes psychologisches Einfühlungsvermögen nachgesagt wurde, Herr der Lange zu bleiben und den Präsidenten von der Notwendigkeit seines Planes zu überzeugen. Der Ausgang des gewonnenen Endspieles, die Frankfurter Eintracht wurde mit 2:0 durch Tore von Rohr und Krumm geschlagen, sollte ihm im Nachhinein auf ganzer Linie recht geben.

Bei den sich anschließend ausgelassenen Feierlichkeiten in Nürnberg war er dann wohl einer der wenigen, die kühlen Kopf bewahrten. Schließlich fühlte er sich weiterhin für seine Schützlinge verantwortlich. In der Vereinschronik ist nachzulesen, “Um 4 Uhr früh mussten leider die beruflich ohne Urlaub gebliebenen den Zug nach München nehmen, um morgens um 8 Uhr pünktlich im Büro oder an der Arbeit zu sein, darunter unser Schmid Hansi und auch der Villinger Schmid. Dombi hatte seine liebe Mühe, sie alle noch rechtzeitig zum Zuge zu bringen.”

Wen verwundert es da, dass er von seinen Spielern fast abgöttisch verehrt wurde. Rechtsaußen “Berge” Bergmaier wusste im Herbst 1932 im “Fußball” unter der Überschrift “Für mich kommt nur Dombi in Frage!” Folgendes über seinen Trainer zu berichten: “Wenn unsere Mannschaft in diesem Jahre die Deutsche Meisterschaft erringen, wenn sie überhaupt die schweren Spiele durchsetzten konnte, die wir auf dem Weg ins Endspiel bestreiten mussten, dann hat unser prachtvoller Trainer ein Hauptverdienst daran. Ich wüsste niemand, der so bersorgt um seine Mannschaft ist, so jederzeit restlos für seine Leute da ist wie unser Dombi! Meister in der Behandlung von Verletzungen, die uns ja die Ligakämpfe leider in so überreichem Maß bescheren, ist er uns als Fitmacher und Mann, der seine Spieler in ständiger Kondition zu halten versteht, ein nicht wegzudenkender Faktor in unserer Elf.”

In den “Club-Nachrichten des FC Bayern” vom Juli 1932 beschließt der Chronist Sigillus seine Laudatio auf den Meistertrainer mit den Worten “Neben seinen ausgezeichneten Fähigkeiten als Sportlehrer ist er in diesen zwei Jahren der Mannschaft ein aufrichtiger Freund und Berater geworden, und es wäre zu wünschen, wenn er ihr und unserem Club noch lange erhalten bliebe.”

Die Geschichte wollte es jedoch, dass er dem FC Bayern lediglich noch ein gutes Dreivierteljahr erhalten bleiben sollte. Ebenso wie Präsident Kurt Landauer war Richard Dombi jüdischen Glaubens. Nach der politischen Machtergreifung der Nationalsozialitisten ließ der neu eingesetzte Reichsführer Hans von Tschammer und Osten Anfang Mai 1933 in einer Rundfunkrede unter anderem folgende Aussage verlautbaren: “Für uns bedeuten die Leibesübungen Dienst am deutschen Menschen, Erhaltung und Pflege unserer Rasse. Ich will nicht übe einen Kamm scheren, aber dass es dem jüdischen Turner und Sportler im neuen Deutschland nicht möglich ist, eine führende oder mitbestimmende Stellung einzunehmen, hat er unterdessen selbst eingesehen.”


5. Okt. 2009

Gerade an große Spieler und auch Funktionäre sollte man sich erinnern. Es gab in der Vergangenheit einige die unseren Verein zu dem gemacht haben, der er heute ist. Die Südkurve hat am Samstag beim Spiel gegen den 1.FC Köln an den 125.Geburtstag von unserem ehemaligen Präsidenten und Spieler Kurt Landauer erinnert.

Conny Heidkamp war ebenfalls ein großartiger Mensch, der den zweiten Weltkrieg überlebte, großes Engagement zeigte, das ihn fast ins Gefängnis gebracht hätte. Ohne Conny Heidkamp würde der FC Bayern heute nicht mehr so bestehen, rief einst der Ehrenvorsitzende und frühere Polizeipräsident Siegfried Herrmann bei einer Versammlung nach Kriegsende im Lxxxxbräukeller den Mitgliedern zu.

Erinnerungen von Magdalena Heidkampf, der Frau des Meisterkapitäns des FC Bayern von 1932:

Als der Krieg begann, hatte Conny Heidkamp das große Glück, nicht zum Militär eingezogen zu werden. Seine Stellung bei Siemens & Halske, der als Rüstungsbetrieb galt, ermöglichte es ihm, in München zu bleiben und seine ganze Kraft und Zeit seinem geliebten FC Bayern zu widmen. Vielleicht fragen sich heute manche, warum Fussball in dieser Zeit so wichtig war. Er hatte für die Männer die gleiche Bedeutung wie für die Frauen, die ins Kino gingen, die UFA-Filme mit Marika Rökk oder Zarah Leander. Für ein paar Stunden wollten die Menschen diese schreckliche Zeit vergessen. In den ersten Kriegsjahren fielen noch keine Bomben, aber die Hungersnot wurde immer spürbarer. Von den wenigen Essensmarken der Zuteilung konnte man nur schlecht leben und so begann der Tauschhandel. Von der Front kamen die ersten Todesnachrichten. Unsere Spieler Josef Bergmeier und Franz Krumm starben, beide Nationalspieler, beide in der Meisterelf, beide dicke Freunde. Sie fielen zwar nicht am gleichen Frontabschnitt, aber am selben Tage. Für mich war der Tod von Sepp Bergmeier besonders tragisch, da ich mit seiner Frau befreundet war und sie einmal in der Woche besuchte. In der letzten Zeit war sie besonders aufgeregt, da ihr Sepp eigentlich auf Urlaub kommen sollte. Sie putzte, backte, nähte für ihr zweijähriges Mädchen ein neues Kleidchen und erzählte ihr immerfort vom lieben Vati, der jetzt bald kommen musste. Er kam nicht. Dafür ein Brief des Gauleiters mit den Worten ” Wir bedauern…” Einige Zeit später nahm sie sich und ihrem Kind das Leben. Ich kam lange nicht darüber hinweg.

Die Hungersnot wurde langsam unerträglich. So fingen wir damit an zu hamstern. Conny bei den Vereinsmitgliedern, die Lebensmittelgeschäfte besaßen, ich bei den Bauern auf dem Land. Die größten Gönner in dieser Zeit waren Toni Weh, der in der Augustenstraße einen Metzgereiladen hatte und Karl Hötzl, dessen Geschäft in der Georgenstrasse lag. Wir hatten zwei Waschkörbe im Schlafzimmer aufgestellt, einer mit Würsten für den Verein und einer – von mir – für die Familie. Über dem Korb des FC Bayern lag ein frisches Handtuch, er war für die Familie tabu. Wehe, wenn wir unsere kleine Gerda dabei erwischten, wenn sie an den Würsten roch. Aber mein Korb konnte sich auch sehen lassen. Ich konnte nämlich nähen, nicht gerade meisterhaft, aber für Nachthemden, Schürzen, Blusen und Röcke für die Nachbarn reichte es. Ich hatte das einer Freundin, die Schneiderin war, abgeschaut. Und so blieb ich oft eine Woche lang auf einem Bauernhof, um zu nähen und am Wochenende mit einem vollen Rucksack heimzukehren, während meine Mutter unter der Woche für die Familie kochte.

Und dann begannen sie: die Bombenangriffe. Wir, die wir bisher den Krieg nur durch Frontnachrichten, den Tod von Freunden und die Hungersnot kennengelernt hatten, bekamen ihn nun am eigenen Leib zu spüren. Nacht für Nacht kamen die Angriffe, mal schlimmer, mal weniger schlimm, aber die Fensterscheiben waren fast immer durch den Luftdruck zerbrochen. Die Kinder wurden aus den Städten aufs Land gebracht, unsere Gerda kam in ein Schullandheim nach Bad Wiessee. Die größte Sorge meines Mannes – wie hätte es anders sein können – war der FC Bayern. Dessen Geschäftsstelle lag nämlich mitten in der Stadt, in der Landschaftsstrasse an der Rückseite des Rathauses. Die Häuser dieser Strasse wurden übrigens nach dem Krieg nicht mehr wiederaufgebaut, heute ist das Ganze eine kleine Anlage mit Parkbänken. Das Wichtigste war: die Pokale, die seit Bestehen des Vereins dort standen, mussten in Sicherheit gebracht werden. Aber wohin? Da fiel mir der Bauer in Ascholding ein, bei dem ich in meiner Kindheit die Ferien verbracht hatte. Ein Anruf und wir zuckelten zusammen mit Barry Streck in einem Holzkohleauto nach Ascholding bei Wolfratshausen. Die Kisten wurden in einen Abstellraum neben dem Stall gelagert und wir fuhren wieder Richtung München.

Zu dieser Zeit erwies sich die Anwesenheit meines Vaters, als wahrer Segen. Mein Mann schwang sich nämlich nach jedem Luftangriff auf sein Fahrrad und fuhr durchs brennende München zu jedem einzelnen Spieler, um sich zu vergewissern, ob er am kommenden Wochenende mit ihm rechnen konnte. Wie gut, dass mein Vater so geschickt und gutmütig war, die zerbrochenen Fenster mit Pappe dicht zu machen und andere Schäden notdürftig zu reparieren.

Die Hungersnot wurde schlimmer und so konnte der Wirt des Lxxxxbräukellers, Xaver Heilmannseder, in Zukunft nicht mehr ohne Lebensmittelmarken das Essen für die Spieler zubereiten. Also ging mein Mann auf den bekannten Schiebermarkt, um Lebensmittelmarken zu kaufen. Das war nicht ungefährlich, denn die Razzien wurden immer häufiger und die Strafen härter. Man warnte mich, mein Mann stünde mit einem Fuß im Gefängnis. Aber ihm ging es nur darum, die Spieler zu halten, die zweimal wöchentlich nach dem Training eine warme Mahlzeit erwarteten. Conny hatte Glück und entging den Razzien.

Im vorletzten Kriegsjahr glaubte keiner mehr an einen Sieg der deutschen Armee, aber man durfte es nicht mehr aussprechen. Um unsere Stärke zu zeigen, organisierte das deutsche Sportkomitee ein Freundschaftsspiel des FC Bayern gegen die Nationalelf der neutralen Schweiz in Zürich. Die Spieler wurden ins Sicherheitsamt befohlen und mit folgenden Auflagen vertraut gemacht: Erstens tadelloses Auftreten, zweitens würden Gestapobeamte mitfahren, damit den jungen, wehrmachtsfähigen Spielern nicht einfallen würde, im Ausland zu bleiben, drittens sei es möglich, dass deutsche Emigranten versuchten, mit den Spielern Kontakt aufzunehmen. Jede Annäherung werde strengstens bestraft.

Kaum in Zürich angekommen, trat schon ein Page auf meinen Mann zu und übergab ihm eine Nachricht von Herrn Landauer, der im Vestibül auf ihn warte. Beim Öffnen des Briefes tippte jemand meinem Mann auf die Schulter: Gestapo. “Geben Sie mir den Zettel. Lassen Sie sich nicht einfallen, sich dem Mann zu nähern, sie stehen unter Beobachtung.” Es wurde Conny unmöglich gemacht, mit Landauer Kontakt aufzunehmen, die Gestapo ließ ihn nicht aus den Augen. Es war Kurt Landauer, der frühere Präsident des FC Bayern München, der als Jude aus Deutschland fliehen musste.

Diese Geschichte hatte noch ein trauriges Nachspiel. Kurt Landauer kam nach dem Krieg zurück und wurde wieder Präsident des FC Bayern. Eine seiner ersten Amtshandlungen bestand darin, Conny zu sich zu bitten und die Belege für alle Ausgaben während des Krieges zu verlangen. Mein Mann war ratlos. Er hat fast ausschließlich mit Schiebern und Bestechung zu tun gehabt, wer gab da schon Quittungen? Wer hatte fürs “Organisieren” – wie man es nannte schon Belege bekommen? Selbst als der Geschäftsführer des Vereins, Herr Plank, Connys Angaben bestätigte, nütze es nicht viel.

Als Landauer auf der Bühne des Lxxxxbräukellers zum Anlass einer Jubiläumsfeier die Geschichte des Vereins vortrug, erklärte er: “Wir wollen die letzten Jahre vergessen und Gnade walten lassen.” Ich merkte wie mein Mann blass wurde und zum einzigen Mal in der meiner 60-jährigen Ehe sah ich Tränen in seinen Augen schimmern. Unter dem Tisch suchte ich seine Hand und hielt sie fest. Auch das ging vorbei. Und als er hörte, dass der Ehrenvorsitzende und frühere Polizeipräsident Siegfried Herrmann bei einer Versammlung sagte, “wenn Conny Heidkamp nicht gewesen wäre, würde der FC Bayern heute nicht mehr bestehen”, war das Balsam auf seine Wunden. Sie fingen an zu heilen.

Quelle: Bayern Magazin


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