9. Dez. 2009
Die Bayern haben den Achtelfinal-Einzug in der Champions League doch noch perfekt gemacht. Beim “Wunder von Turin” spielten sich die Roten in einen regelrechten Rausch und beherrschten die eigentlich favorisierten Italiener nach Belieben. Beim mit Abstand besten Spiel unter der Leitung von Trainer Louis van Gaal und einem der besten Spiele der letzten Jahre gewannen die Bayern hochverdient bei Juventus Turin vor 27.000 Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion mit 4:1 – das Ergebnis fiel aus Turiner Sicht sogar noch schmeichelhaft aus. Die Bayern traten im Gegensatz zu den teils unterirdischen Auftritten in der bisherigen Saison wie ausgewechselt auf – Kampf, Spielwitz, Laufbereitschaft, Siegeswille – der geneigte Fan wird sich fragen, wieso das nicht immer so funktioniert?!?
Die Bayern waren von Beginn an bissig und präsent. Bereits in der 2. Spielminute schickte Bastian Schweinsteiger Mario Gomez und Ivica Olic per Steilpass auf die Reise Richtung Gianluigi Buffon im Tor von Juventus, Schiedsrichter Massimo Busacca aus der Schweiz entschied aber leider fälschlicherweise auf Abseits. In Minute 5 spielte Philipp Lahm von der rechten Seite flach in den Strafraum zu Schweinsteiger, der aus 14 Metern deutlich verzog. In der 12. Spielminute flankte Mark van Bommel aus dem Halbfeld in den Turiner Strafraum, Olic setzte sich gegen zwei Gegenspieler durch und scheiterte am Pfosten – Riesenpech. Nur eine Minute später konnte ein Schussversuch Schweinsteigers in letzter Sekunde abgeblockt werden. Wie aus dem Nichts dann die vollkommen unverdiente Führung für die Italiener (19.). Martin Demichelis verlor den Ball leichtfertig im Mittelfeld gegen Diego, Claudio Marchisio flankte punktgenau auf David Trezeguet, der Volley aus 17 Metern Hans-Jörg Butt keine Chance ließ. Die Bayern aber waren überhaupt nicht geschockt und schnürten die “alte Dame” weiter in ihrer eigenen Hälfte fest. Zunächst scheiterte Schweinsteiger per Weitschuss an Buffon (20.), dann setzte Olic einen Kopfball hauchdünn über das Tor (23.). In der 30. Minute wurde dann Olic von Martin Caceres regelwidrig im Strafraum von den Beinen geholt – Elfmeter. Butt Butt Butt Butt Butt – drin, eiskalt links unten – 1:1. Kurz danach senkte sich erst eine Bogenlampe von Schweinsteiger auf den Kasten von Buffon, dann köpfte Gomez die nachfolgende Ecke aus 5 Metern hauchdünn über den Querbalken (32.). Juventus konnte sich gar nicht mehr befreien. Bis zur Halbzeit hatten Olic (38.), Schweinsteiger (41.) und van Buyten (45.) weitere gute Einschussmöglichkeiten. Der Pausenstand von 1:1 war aus Turiner Sicht mehr als schmeichelhaft. In der zweiten Halbzeit knöpften die Bayern direkt daran an, wo sie in Halbzeit 1 aufgehört hatten. Nachdem ein Schuss von Danijel Pranjic knapp am Pfosten vorbeistrich (51.), fiel die hochverdiente Führung eine Minute später. van Bommel flanke aus dem Halbfeld auf van Buyten, dessen Kopfball von Buffon nur in die Mitte abgeklatscht werden konnte – Olic stand goldrichtig und schob zum 2:1 ein. Trotz der Führung zogen sich die Bayern aber nicht zurück. Die nächste Großchance hatten aber die Italiener. Trezeguet zielte aber zum Glück aus 10 Metern deutlich zu hoch (66.). Kurz darauf konnte sich Gomez weltklasse gegen seinen Gegenspieler durchsetzen, sein Querpass auf Olic wurde im letzten Moment geklärt (68.). Eine einem gefährlichen Schweinsteiger-Weitschuss folgende Ecke köpfte van Buyten ans Außennetz (69.). Durch den eingewechselten Arjen Robben bekam das Bayernspiel weiteren Schwung. Nach einem Solo wurde Schweinsteigers Schuss gerade noch zur Ecke abgefälscht (82.). Diese gab Holger Badstuber punktgenau auf van Buyten herein, dessen Kopfball von Buffon direkt zu Gomez gelenkt wurde, der nur noch einschieben musste – 3:1 die Entscheidung. Der Rest des Spiels war Schaulaufen. Erst scheiterte Robben nach einem tollen Solo knapp (89.), bevor Anatoliy Tymoshchuk in der Nachspielzeit den Endstand von 4:1 herstellte. Robben hatte auf Thomas Müller gepasst, der den Ball nur noch auf den Ukrainer ablegen musste, dessen Strich aus 18 Metern im Tornetz einschlug.
Der Rest war nur noch Jubel und Feiern – eine historische Nacht für den FC Bayern.
Es spielten: Butt – Lahm, Demichelis, van Buyten, Badstuber – van Bommel, Schweinsteiger – Müller, Pranjic (72. Robben) – Gomez, Olic (79. Tymoshchuk)
Mein persönliches Fazit: Gibt es keins – das Ergebnis sagt alles aus. Eine überragende Mannschaftsleistung…
Die Abschlusstabelle der Gruppe A:
1. Girondins Bordeaux 9:2 Tore 16 Punkte
2. FC Bayern München 9:5 Tore 10 Punkte
3. Juventus Turin 4:7 Tore 8 Punkte
4. Maccabi Haifa 0:8 Tore 0 Punkte
Eine kleine Besonderheit noch am Rande. Hans-Jörg Butt erzielte in seinem 50. Champions League Spiel sein 3. Tor – alle per Elfmeter und alle gegen Juventus Turin (einmal mit Bayer 04 Leverkusen und einmal mit dem Hamburger SV).
Hoffentlich können die Bayern diese Leistung in den letzten beiden Spielen in der Bundesliga vor der Winterpause beim VfL Bochum und gegen Hertha BSC Berlin wiederholen.
Hier noch ein paar Pressestimmen zu gestern:
La Gazzetta dello Sport: „Addio Champions League. Van Gaals Bayern beherrschen Juve. Die Signora wurde im eigenen Wohnzimmer geschlagen und gedemütigt. Bayern war perfekt.”
Tuttosport: „Jetzt muss sich alles ändern, Juve! Der Club ist fragil, die großen Neuzugänge skandalös, und Ferrara hat dem Team keine Spielkultur gegeben. Juve wurde von den Bayern gedemütigt.”
Corriere dello Sport: „Vier Ohrfeigen für Juve! Ein totaler Zusammenbruch. Juve wurde überrollt und rausgeworfen. Nach Trezeguets trügerischem 1:0 spielten nur noch die Bayern.”
La Stampa: „Verheerende Alte Dame. Juve zerbröselt in Stücke. Ferrara, dafür gibt es keine Entschuldigung. Das Mindest-Resultat ist verfehlt worden. Für Ferrara eine Albtraum-Nacht mit Protesten der Tifosi und Pfiffen gegen die Stars.“
Bild: „Mia san die Bayern-Helden! Wahnsinn! Super! Sakra! Das waren endlich die echten Bayern! Jetzt können die Bayern endlich mal richtig feiern: Mir san (wieder) mir!“
Abendzeitung: „Eine magische Nacht! Die Spieler wollten gar nicht in die Kabine und tanzten vor der Fankurve. Einige sprangen sogar über die Bande, um mit den Fans zu feiern.”
tz: „Bravissimo, FC Bayern! Grandios! Fantastisch! Unglaublich! Die Bayern haben tatsächlich das Wunder geschafft. Ist es das Zeichen für die kommenden Wochen?“
Münchner Merkur: „Die Bayern schreiben eine Heldensage. Gestern umwehte die Mannschaft um Kapitän Mark van Bommel erstmals seit langem mal wieder ein Hauch des alten Mia-san-mia-Mytos.“
Süddeutsche Zeitung: „Weiter, immer weiter. Die Bayern zeigten eine Lust und eine Leidenschaft, die ihnen nach den zuletzt gezeigten Leistungen wohl kuam jemand zugetraut hatte.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Befreiungsschlag der Bayern: Der FCB hat wieder einmal bewiesen, dass man ihn nie abschreiben darf. Er hätte sich für den ersten Sieg in Turin keine bessere Gelegenheit aussuche können.”