Olk, Beckenbauer, Breitner, Rummenigge, Augenthaler, Aumann, Matthäus, Helmer, Effenberg, Kahn, van Bommel – sie haben alle eines gemeinsam: Sie waren Kapitäne mindestens einer Meistermannschaft des FC Bayern. Doch lange vor Einführung der Bundesliga hat es noch einen gegeben: Conny Heidkamp, der Spielführer der Meistermannschaft von 1932. Ein großer Fussballer, Nationalspieler, Idol seiner Zeit, der 1928 also vor 82 Jahren, zum FC Bayern kam. Fast zehn Jahre hat der aus Düsseldorf stammende “Grenadier vom Rhein” beim FC Bayern gespielt, 1994 ist das langjährige Ehrenmitglied gestorben. Anhand von Aufzeichnungen seiner Frau Magdalena, erinnern wir an unseren ersten Meisterkapitän Conny Heidkamp. “Es war im Jahr 1999. Ich saß in meinem Zimmer vor dem Fernsehapparat und sah wie der FC Bayern siegte. Die Bayern, sie standen wieder an der Spitze, und es schien ziemlich sicher, dass sie nicht mehr eingeholt werden konnten. Zu meinem Leidwesen konnte ich das Spiel nur noch hören, da ich in den letzten Jahren mein Augenlicht verloren hatte. Das war auch der Grund, warum ich nach dem Ableben meines geliebten Gatten meine große Schwabinger Wohnung aufgegeben hatte und mit nur wenigen Möbeln in ein Seniorenheim am Rande Harlachings gezogen bin. Dort fand ich mich besser zurecht und hatte die nötige Hilfe.”
“Als ich eines Tages voller Freude über den Sieg der Bayern beim Frühstückstisch herausplatze “Bayern hat schon wieder gewonnen”, herrschte eisiges Schweigen. Dann die alte Leier, die man zu hören bekam, wenn man vom Fussball sprach: “Die Burschen verdienen doch viel zu viel.” Das hätte ich noch geschluckt, aber als Worte wie “diese Analphabeten” fielen, legte ich meinen Löffel hin, stand auf und verließ den Raum. In Zukunft bestellte ich das Essen auf mein Zimmer.”
Nun wurde es aber doch ein wenig einsam um mich. Da ich wegen meines Augenleidens nicht mehr lesen konnte, wusste ich aber nichts mehr mit mir anzufangen. Und so kam ich auf die Idee, ein paar Episoden aus dem Leben mit meinem Mann, mit allen seinen Höhen und Tiefen auf Band zu sprechen, mein Leben mit dem Fussballer Conny Heidkamp zu erzählen. Vielleicht war ja etwas dabei, das nicht in den Archiven des FC Bayern steht und des Erzählens wert ist.
Zum ersten Mal sah ich den Conny aus der Ferne, als er in einer Kutsche, die Meisterschaftstrophäe Viktoria im Arm haltend, neben seinem Trainer Dombi an mir vorbeifuhr. Ich hatte mich von der allgemeinen Begeisterung anstecken lassen, aber eigentlich dachte ich darüber nach, ob mein Bruder, der neben mir stand, wohl sein Versprechen einlösen würde, mit mir anschließend ins Kino zu gehen. Mein älterer Bruder war mein ein und alles und er nahm mich überall hin mit. So kam es auch, dass ich mir ihm zuliebe den triumphalen Einzug der Bayern durch die abgesperrten Strassen Münchens ansah. Der Kinobesuch war als Belohnung gedacht.
Zur zweiten Begegnung mit Conny Heidkamp kam es in der Firma “Loden-Frey”. Es war zur Zeit der größten Arbeitslosigkeit und ich war heilfroh, bei dieser Firma Anfang der 30er Jahre in der Handschuh-Abteilung als Verkäuferin arbeiten zu können. Kurz nach meiner Einstellung las in der Zeitung, dass jeder, der von Conny Heidkamp, dem Kapitän der deutschen Meisterelf von 1932 bedient werden oder ein Autogramm haben wollte, diese Woche zu Loden-Frey in die Sportabteilung kommen solle. Er kam, gab Autogramme, doch meistens sah er in meine Richtung.
Wie es das Schicksal wollte, wohnte er in meiner Nähe und wir hatten den gleichen Weg. Wir waren nur durch eine Brücke über die Isar getrennt, die Ludwigsbrücke. Er wohnte an einem, ich am anderen Ende. Wenn er aus seinem Fenster sah, konnte er mich um acht Uhr morgens schon kommen sehen, und trat – welch ein Zufall – zur gleichen Zeit aus der Tür, als ich sein Haus erreichte. Wir gingen gemeinsam zur Straßenbahn. Und so fing es an.
Am Frühlingsanfang im Jahr 1934 heirateten wir, und – um es vorwegzunehmen: 60 Jahre später trugen wir ihn zu Grabe. In all den Jahren dazwischen lagen glückliche und schlimme Tage – aber immer auch die Tage des FC Bayern. Da in dieser Zeit größere Wohnungen leer standen und man sie leichter bekam, nahmen wir eine viereinhalb Zimmer Wohnung und meine Eltern zogen zu uns. Wir haben das nie bereut. Meine Mutter war eine erstklassige Köchin und zauberte selbst in der größten Hungersnot essbare und schmackhafte Gerichte, wobei sie die besten Bissen heimlich meinem Mann zusteckte und er sie dafür verehrte. Mein Vater war ein Alleskönner, reparierte alles in unserem Haushalt, was später – im Krieg – nach den Bombenangriffen ein wahrer Segen war. Man liebte sich, hielt zusammen, die später so hochgespielten Generationsprobleme waren noch nicht bekannt.
In unserer Hochzeitsnacht lag ich seinen Armen und war sehr glücklich. Es war der schönste Tag meines Lebens und das wollte ich auch von ihm hören. “Was war denn eigentlich der schönste Tage in deinem Leben?” fragte ich ihn und wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort: “Der Tag der deutschen Meisterschaft!” Da hatte ich es. Aber, so tröstete ich mich, er ist wenigstens ehrlich und macht mir nichts vor. “Liebes”, fuhr er fort, “solange du mir meinen Fussball und meinen Verein FC Bayern lässt, kann in unserer Ehe nichts schiefgehen.” Nun wusste ich es und richtete mich danach.
Im Rückblick gesehen waren die nächsten Jahre die schönsten meines Lebens. Da meine Eltern sich vor Freude über das kleine Baby kaum fassen konnten und die besten Babysitter waren, konnte ich an der Seite meines Mannes jederzeit ausgehen und die Spiele besuchen. Ich musste wohl keine Frau gewesen sein, wenn ich mich an seiner Seite nicht in seiner Popularität und Beliebtheit gesonnt hätte. Auch meine Mutter bekam als “Heidkamps Schwiegermutter” etwas davon ab.
Quelle: Bayern Magazin
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